Das Element der Sprache

Das geflügelte Wort des französischen Schriftstellers und Kunsttheoretikers Denis Diderot: „Die Stimme ist ein Musikinstrument, dessen sich alle Menschen ohne Hilfe von Lehrern Prinzipien oder Regeln bedienen können!“ hat es in unserer Gegenwart zu trauriger Berühmtheit gebracht. Aus ihrem historischen Kontext gerissen wurde die Aussage des visionären Aufklärers zum Inbegriff einer intonierten Sorglosigkeit, wie sie sonst nur im Blockflötenkreis der musikalischen Früherziehung anzutreffen ist. Während wir unsere Geigen oder Klarinetten zu besonderer Stunde behutsam ihrem Futteral entnehmen und mit kundigen Händen und geübten Lippen zum Klingen bringen, bedienen wir uns unserer Stimme viel zu oft in der Manier einer Trillerpfeife: Funktional, viel zu eintönig und mit grauenhafter Atemtechnik.

Foto: Gianni Sarto

Bettina Morlang-Schardon wird von Wolfgang Keuter zu Workshop und zu ihrem Engagement begrüßt.

Um dieser Tendenz entgegenzuwirken, bietet das TheaterLabor TraumGesicht regelmäßig eine Weiterbildung zur Stimmübung an. Unter der kundigen Anleitung von Wolfgang Keuter wird die Vermutung der Teilnehmer, dass auch die Stimme trainiert werden will, schnell zur Gewissheit. In einer einleitenden Vorstellungsrunde treten die unterschiedlichen Motive, die zu einer Auseinandersetzung mit unserem Instrument führen, beispielhaft zu Tage. Manchen „fehlt“ die Stimme, anderen „versagt“ sie nach einiger Zeit den Dienst, einige sind fasziniert von ihrer Ausdrucksmöglichkeit und einzelne interessiert vor allem ihre psychologische Komponente. Allen anwesenden Stimmen gemeinsam aber ist eine gewisse Gleichförmigkeit in der Betonung, ein Mechanismus, der im sozialen Miteinander Kontrolle und Ausgeglichenheit suggerieren soll. Im Laufe des Seminars soll noch deutlich werden, dass genau das Gegenteil der Fall ist.

Die Übungen, mittels derer Wolfgang die Workshopteilnehmer an die Suche nach ihrer Stimme heranführt, sind ebenso leicht wie herausfordernd. Im Zentrum steht das Verständnis für die eigene Atmung, die Kontrolle des Luftstroms und schließlich der Einfluss der Körperspannung. Die ersten Übungen kommen ohne sprachliche Artikulation aus, sondern führen den Leib als Resonanzkörper vor. Bauchraum, Brust, Schultern und Kiefer sollen koordiniert bei der Hervorbringung des Tons zusammenspielen und das hemmende Gehirn für einen Moment an die Leine nehmen. Damit alles nicht ganz und gar abstrakt bleibt, hilft ein nah vor den Mund gehaltener Luftballon dabei, die Schwingungen haptisch erfahrbar werden zu lassen: Erst wenn der Luftstrom tief aus dem Zwerchfell herausfließt, tanzt der Ballon!

„Für die Sprache ist der Atem das Element!“ erklärt Wolfgang. Welchen gravierenden Unterschied die richtige Atmung hervorbringen kann, lernen wir Teilnehmer anhand kurzer Sätze, die auf einen Verschlusslaut enden. K, g, t, und d sind Laute, die im Sprachfluss markante Akzente setzen können, sofern sie korrekt geformt werden. Zunächst üben wir anhand von kurzen Sätzen oder Begriffen und schmettern Wörter wie „Kraft“, „Saft“ und „karg“ in verschiedenen emotionalen Schattierungen mal anderen Teilnehmern, mal dem Ballon entgegen. Als Höhepunkt der Übung dürfen wir uns an einem Zungenbrecher-Vers von Julius Hey versuchen, der unseren Wortschatz um das wundervolle Wort „Schicksalstücke“ bereichert. Dabei werden wir mit viel Takt, aber nachdrücklich korrigiert, müssen auch mal lachen und gewinnen nach und nach an Zuversicht.

Diese wird im letzten Teil der zweistündigen Workshops dringend gebraucht. Gemeinsam improvisieren wir einen Märchenschwank. Eine Teilnehmerin unternimmt den Auftakt und führt die Gruppe in die Welt eines fabelhaften Ameisenmonstrums von gänzlich zweifelhafter Gesinnung. Nach und nach wird nun reihum der Faden der Geschichte weiter gewoben, wobei der jeweilige Erzähler seinen Worten mithilfe der erlernten Techniken maximalen Ausdruck verleihen soll.

Am Ende der Übung sitzen alle mit glänzenden Augen auf ihren Stühlen, denn jeder weiß, er ist ein Stück über sich hinausgewachsen. Auf einer Handreichung begleiten uns die Übungen nun nach Hause, wo wir mit Geduld und Übung unsere Stimme zu erheben lernen werden….bepackt mit Rucksack, geneckt im Zickzack.

Zwischen den Kulissen…

Liebe Theaterlaboranten,

wie Henrike, die ihr im Juli schon kennengelernt habt, bin ich dem Ruf von Gianni Sarto und Wolfgang Keuter nach Stimmen für das TheaterLabor TraumGesicht gefolgt. Nach drei wunderschönen Jahren am deutschen Institut für Kunstgeschichte in Rom bin ich im vergangenen Mai wieder nach Düsseldorf gezogen und suchte seitdem eine Möglichkeit, mich in meiner neuen Heimat ehrenamtlich einzubringen. Als studierte Kunsthistorikerin, Germanistin und Soziologin in den Endzügen der Promotion, bin ich in der kulturellen Welt zuhause und interessiere mich für Theater, Kunst und Texte, seien sie geschrieben, gesprochen oder gesungen. Das Schreiben, der Umgang mit Sprache und die Erarbeitung von immer neuen Themen gehören zu meinen täglich Brot, die Leidenschaft für Geschichten und parallele Welten begleitet mich schon seit meiner Kindheit. Als ich im Internet auf das TheaterLabor TraumGesicht gestoßen bin, war ich sofort Feuer und Flamme für die Möglichkeit, den Verein und seine Projekte durch journalistische Arbeit zu unterstützen. Schon kurze Zeit und ein Telefonat später, durfte ich zum ersten Mal hinter die Kulissen des weißen Pavillons in der Löbbeckestraße blicken. Der von Fotografien der Theateraufführungen gesäumte Flur ließ aus der Ahnung, dass hier Herzblut, künstlerischer Anspruch, Professionalität und Talent auf besondere Weise ineinanderfließen, Gewissheit werden.

Foto: Gianni Sarto

Der Streichholzverkäufer aus „Ein leichter Schmerz“ von H. Pinter

Nachdem Gianni mir die Arbeit des Vereins erklärt hatte, zeigte er mir den Kleiderfundus. Kleidungsstücke und Requisiten jeder vorstellbaren Fasson hängen und liegen bereit, um Alltägliches in Szenisches zu verwandeln. Über den Kleiderstangen präsidiert ein leuchtend rotes, kegelförmiges Kleidungsstück, das, wie Gianni mir erklärte, einer Figur als Kostüm diente, deren reine wortlose Präsenz ein britisches Ehepaar zunächst maßlos irritierte, um es dann rettungslos in seinen Bann zu ziehen.

Einen geradezu magischen Sog auf einen an der japanischen Kultur interessierten Menschen wie ich mich, übt eine Gruppe expressiver, im Schnitt asiatisch inspirierter Gewänder aus feinsten Stoffen aus, die mit metallgestützt ausgebreiteten Armen auf ihren nächsten Auftritt warten. Auf den gerahmten Fotografien und in den Fotomappen vergangener Aufführungen des TheaterLabors entfalten sie ihre exotische Präsenz an den Körpern der Schauspieler, deren Gesichter in Anlehnung an die Ästhetik des japanischen Kabuki-Theaters und die traditionelle venezianische Maske weiß leuchten. Während Gianni mir die Fotografien zeigte und seine Masken- und Kostümarbeit erläuterte, ging im Seminarraum ein Workshop zu Ende und Wolfgang gesellte sich noch einen Moment zu uns, um mich kennenzulernen. Einen Blick auf seine Arbeit durfte ich wenige Tage später im Workshop „Sprechtraining“ erhaschen, aber dazu in einem späteren Artikel mehr. Für den Moment freue ich mich sehr auf die Arbeit beim TheaterLabor TraumGesicht und hoffe, dass auf dieses virtuelle Kennenlernen bald ein persönliches folgen wird. Eure Bettina

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Schauspielunterricht

Henrike im Gespräch mit den Teilnehmern und Teilnehmerinnen.

Vor Kurzem hatte ich die erste Gelegenheit, mir den Schauspielunterricht des TheaterLabor TraumGesicht e.V. genauer anzuschauen. Zu Beginn wurde in der Runde mit Allen besprochen, was jeder erwartete und sich von der Stunde erhoffte, bevor es dann weiter ging mit den ersten Übungen. Bei der ersten Übung durfte ich dann auch gleich mitmachen. Jeder bekam einen Luftballon, der vor den Mund gehalten werden sollte. Durch die Vibrationen, die dabei entstehen, wenn man dem Luftballon Töne und Vokale entgegen singt, kann man sich seiner eigenen Atemtechnik und der richtigen Bauchatmung leichter bewusst werden. Persönlich hatte ich vorher noch nie davon gehört und fand die Idee sehr effektiv. Ich hatte bei verschiedenen Gesangslehrern Unterricht, aber die Ballon-Methode hat mir noch keiner erklärt. Dadurch, dass man so direktes und gefühltes Feedback durch die Vibration bekommt, bekommt man ein viel besseres Gefühl für die eigene Atemtechnik als durch bloßes konzentriertes Einatmen und das Hinhören auf die eigene Stimme.

P1140813 webDanach ging es dann weiter mit Textarbeit an „Penthesilea“. Es war beeindruckend, wie viel mehr an Gefühlen mit der richtigen Technik und einer klaren Betonung der einzelnen Wörter und Sätze rübergebracht wurde. Auch konnte man deutlich sehen wieviel an Konzentration das erstmal ungewohnt deutliche Aussprechen des Textes erfordert. Jeder in der Runde war einmal an der Reihe, einen kurzen Ausschnitt zu lesen. Es gab direktes Feedback durch Wolfgang und die anderen in der Gruppe. Auch wenn natürlich alle immer sehr freundlich waren, ist mir die Offenheit, mit der jeder seine Passage vorgelesen hat, aufgefallen.

Nach der Textarbeit habe ich dann Slow Acting „live“ gesehen. Erst wurde der Ausdruck  mit musikalischer Untermalung geübt. Wolfgang gab eine Anleitung dazu, wann welche Teile des Körpers bewusst dafür genutzt werden können. Vom Verbiegen der Zehenspitzen bis zum Stirnrunzeln gab es tatsächlich viel mehr Möglichkeiten, etwas darzustellen, als einem sonst als „Ungeübter“ im Alltag auffallen würde.

P1140844 webDanach wurde vorne eine Zuschauerreihe für die eine Hälfte der Gruppe aufgebaut, während die andere Hälfte sich an die Wand stellen sollte und die Aufgabe bekam, in möglichst ausgedehnter Langsamkeit eine möglichst große Vielfalt von Ausdrucksmöglichkeiten zu zeigen. Von Traurigkeit über Freude bis zu verfremdeten und unwirklich wirkenden Darstellungen waren die unterschiedlichsten Ausdrücke dabei. Besonders spannend fand ich, auf wie viele unterschiedlichste Arten ein und dasselbe Gefühl gezeigt werden kann. Eine Kleinigkeit wie eine kurze Bewegung oder eine kleine Veränderung im Gesicht können gleich einen großen Unterschied machen.

Auf das nächste Dazukommen bin ich deshalb neugierig und würde gern wieder zuschauen – Henrike

Fotos: Gianni Sarto

Ein gutes Team kam zusammen

Der Sommer kommt – wir räumten auf!

Diesem Aufruf folgten Lilo, Rosi, Robert, Nora und Betty. Alle suchten sich einen Teil der Aufgaben aus und fingen ohne zu zögern an.P1140778 web

Betty schnappte sich Pinsel und Farbe und strich unsere alte Holzleiter in Schwarz. Diese Leiter wird eine Rolle spielen in unserem neuen Schauspiel-Projekt „Fräulein Julie“. Sie hat den Anstrich wirklich nötig gehabt und ist gewandelt in ein attraktives Requisit.

Standesgemäß wurde die Leiter natürlich im „Schwarzen Raum“ gestrichen – sozusagen am Ort des Geschehens.

Es hat so viel Freude gemacht, wie wir alle auf- und umgeräumt haben, damit das Feng Shui im Pavillon wieder besser fließen kann. Die Kästen in der Werkstatt wurden von Lilo und RP1140786 web1osi ausgeräumt und gleich mit den neuen rollbaren Schränken, welche wir vom Lager geholt haben, geputzt. Dann wurden Sie frisch sortiert wieder eingeräumt und die Optik ist im Übungsraum dadurch viel ruhiger geworden.

Zwei davon kamen in den Übungsraum und schluckten das ganze Geschirr, die Gläser etc.

Ein Imbiss steht immer bereit und lädt zu Gesprächen zwischendurch ein.

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Überall wurden Dinge verfeinert, sei es, dass die Putzgeräte in der Kammer eine Wandhalterung bekamen, oder die vielen Seile, welche wir zu Begrenzung des Bühnenraums benötigen, eine Aufhängung  erhielten. Lilo bohrte wacker was die Maschine hergab und alles hat nun Hand und Fuß. Robert entwickelte sich regelrecht zum Fleckenprofessor und machte vieles „Unsichtbar“. Mit viel körperlichem Einsatz schrubbte er die Flecken mit den richtigen Mitteln einfach weg.

Draußen vor der Tür

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Nora kam mit einer ganzen Ladung an Pflanzen und Stauden und werkelte fleißig draußen am Eingang. Was ein freundlicher Anblick und für eine Pracht, wenn wir jetzt auf unseren Eingang zu gehen. Sie hat uns die ganze Bepflanzung gespendet.
Wolfgang sorgte auch an dieser stelle für Licht und zwickte mit einer speziellen, langen Astschere herunterhängende Zweige ab. Nun bekommt die neue Bepflanzung auch reichlich Sonne ab.

 Dank euch allen für eure Auszeit.
An dieser Stele möchten wir, Wolfgang und ich, all den guten Geistern herzlich danken. Eure Handreichungen bedeuten uns viel im Hinblick auf gemeinsamen weiteren Aufbau des TheaterLabors TraumGesicht in Düsseldorf.
Was ein wunderbarer Vormittag.  Wenn wir heute die Räume betreten fühlen wir uns genauso willkommen wir der schöpferische Geist, der unsere Arbeit durchwirkt.

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Für das nächste Aufräumen ist, trotz des Einsatzes, noch was übrig geblieben:

  • Bilder in den Rahmen begradigen
  • Spiegel mit Dübeln aufhängen
  • Kostümfundus ordnen und aussortieren
  • Rund ums Haus herum Stöbern und Saubermachen

Wenn du eigene Vorschläge zur Verschönerung parat hast, lass sie uns wissen. Sie sind willkommen.

Lieber Gruß
Gianni + Wolfgang

Mein erstes Kennenlernen des „Theaterlabors“

Hallo! Ich möchte mich mit diesem Blogeintrag kurz vorstellen… Mein Name ist Henrike, ich bin 23 Jahre alt und studiere in Kleve den Studiengang „Gender and Diversity“. Da ich überlegt habe, im Anschluss daran in den journalistischen Bereich zu gehen, habe ich nach einer interessanten Möglichkeit gesucht, mich im Schreiben zu üben. Im Internet bin ich auf das „TheaterLabor TraumGesicht“ gestoßen und habe mich gleich gemeldet.
Daraufhin kam in der letzten Woche am Montag dann ein sehr interessantes Treffen mit Gianni und Wolfgang im Pavillon der Lacombletschule zustande. Die beiden haben mich sehr freundlich empfangen und sich viel Zeit genommen, in der ich viel über ihre Arbeit und die Techniken erfahren habe, die im Schauspielunterricht genutzt werden. Für mich war die kurze Stunde im Pavillon schon spannend, weil ich vor allem den Eindruck bekommen habe, dass im TheaterLabor TraumGesicht sehr tiefgreifend und mit vielfältigen Methoden gearbeitet wird.

Schauspiel kenne ich bisher vor allem aus meiner eigenen Musical-Erfahrung in einer Musikschule. Dort lag der Fokus natürlich sehr auf dem Stück und das Schauspiel selbst ist ein wenig in den Hintergrund getreten. Deshalb fand ich spannend zu erfahren, wie Gianni und Wolfgang die Brücke zwischen Selbsterfahrung und kreativer Theaterarbeit schlagen. Dadurch ist das Schauspiel umfassender und profunder, als ich es kennengelernt habe und auch persönliche Prozesse werden dabei angestoßen.
Ich habe auch das erste Mal von der Methode des „Slow Acting“ gehört und einer sich bewussten und konzentrierten Herangehensweise an Schauspiel. Das und die verschiedenen Einflüsse und Techniken unter anderem aus Schamanismus und Zen fand ich sehr besonders und eindrucksvoll, es hat mich neugierig gemacht, vielleicht auch mal „live“ dabei zu sein. Neben dem Input, den ich über die Theaterwelt und das TheaterLabor TraumGesicht bekommen habe, gab es auch viele Vorschläge dazu, wie ich ehrenamtlich „redaktionell“ etwas beisteuern könnte.
Wolfgang und Gianni waren offen für meine Interessen und Ideen, haben mir Vorschläge gemacht, aber waren nicht auf etwas Bestimmtes festgelegt. Unter anderem war auch die Idee da, den Schauspielunterricht oder gelegentliche Veranstaltungen zu begleiten und darüber zu schreiben. Bald gibt es hoffentlich eine erste Gelegenheit dazu, um auch die anderen Menschen im Verein zu treffen. Ich freue mich in jedem Fall, mir das, was ich in dem Gespräch mitbekommen und in den tollen Bilderkatalogen gesehen habe, selbst zu erleben und hoffe bald den ein oder anderen Blogeintrag beizusteuern.

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Beschäftigung mit dem Text

(M)eine Geschichte zu Penthesilia von Heinrich von Kleist.

Eigentlich mag ich die Geschichte der Amazonenkönigin, ich habe mehrere Romane darüber gelesen. Als wir die Wahl hatten, habe ich mich gerne für den „schwereren“ Text entschieden. Es geht auch gut voran, den Text über die Atmung und mit den Satzzeichen zu gliedern. Es machte Spaß sich den Sinn zu erarbeiten. Jetzt bin ich wieder an dem Punkt an dem ich den Text lerne und ich suche immer noch nach einer Methode. Penthesilea

Da ich mich neuerdings auch mit Sketchnotes, dem Zeichnen von Vorträgen beschäftige, hatte ich die Idee den Text  zu zeichnen. So kann ich beides üben und daran lernen. Das Ergebnis ist tatsächlich eine kleine gemalte Geschichte geworden. Auf mehrfachen Wunsch lasse ich Euch gerne daran teilhaben. Viel Spass.

 

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Schauspielen hat eine Jahrtausend alte Tradition

Aus seinen kultischen und rituellen Ursprüngen schöpfen wir im TheaterLabor TraumGesicht e.V. und entwickeln seit Jahrzehnten einen besonderen, meditativen Spielstil. Er integriert Methoden im Stile des Zen und des Schamanismus, aus dem Psychodrama und der Gestaltpsychologie, aus initiatischer Tradition und Theateranthropologie und aus klassischer Schauspielausbildung.

Aus bewusst gestalteter Langsamkeit entwickeln sich unkonventionelle Interaktionen. Sie lassen vor allem das innere, seelische Leben der Figuren prägnant erscheinen.

„Was du gestaltest im Rollenspiel, gestaltet auch dich“, erklärt Wolfgang Keuter. „Damit diese wunderbaren Vorgänge möglich werden bekommt und gibt jeder Spieler Rückmeldung zur Schärfung der Selbstwahrnehmung und der Fremdwahrnehmung. Das fördert seine soziale Kompetenz weil er lernt sich selbst mit seinen Stärken und Schwächen ernst zu nehmen. Erst daraus erwächst nämlich das Selbstwerterleben, das für alle kreativen und spielerischen Lösungen, im Spielraum wie im beruflichen Alltag, zur tragenden Basis wird.“

Wo sonst gibt es so viele Erfahrungs- und Entwicklungsmöglichkeiten in unterschiedlichsten Bereichen wie im Schauspiel, als Weg verstanden.

Text von Wolfgang Keuter

Wer jetzt Lust auf mehr bekommen hat, dem bieten wir einen Workshop Einführung ins Ritualisierte TheaterspielenEinfach hier klicken.

Spaß mit der Stimme

Es ist eine so sympathische Rückmeldung auf unseren Schauspielunterricht eingegangen, dass ich nicht anders kann, als Sie hier zu veröffentlichen:

„Lieber Wolfgang, lieber Gianni,

Ich hatte gestern eine Veranstaltung, bei der ich vor 60 Leuten herumturnen musste. Es galt, sie in Stimmung zu bringen und bei Laune zu halten, mit eigenem Vortrag, durch die Moderation der anderen Vorträge und schließlich durch die Moderation einer 6-köpfigen Expertenrunde. Das ist aufregend und ich habe mich auch sehr gut vorbereitet. Zu der Aufregung kam aber eine ganze Menge Lust, das zu machen und es hat auch wunderbar geklappt. Ich habe mich dabei sehr wohl gefühlt und auch sehr lebendig. Es macht dabei auch Spaß mit der Stimme zu variieren und auch mal zu ganz nach oben zu gehen, wenn jemand nervt. Ich brauche ja nicht ausdrücklich zu sagen, dass das ganz viel mit der Zeit bei euch zu tun hat. Dafür nochmal ein Dankeschön an euch beide!“ B.K.

Maskenbau + Maskenspiel

Wieder war, beim Wochenend-Workshop im Juni, das Unbewusste aller Beteiligten schöpferisch aktiviert. Das wurde mit offenen Sinnen begrüßt. Störungen durften sein. Sie wurden angenommen, konnten verwandelt und zum Teil integriert werden. Das hat mich besonders gefreut und dankbar gestimmt.

In eine selbsthergestellte Maske, wenn sie sich wie bei uns in kontemplativer Haltung entwickelt, findet Archetypisches ein hervorragendes Medium um Gestalt anzunehmen und anschaulich zu werden. Das Archetypische ist die Hintergrundwelt des Lebens. Archetypen (C.G. Jung) nehmen Einfluss auch auf unser persönliches Leben. Mehr als uns bewusst ist.

In der Maske bekommt der, uns meistens unbewusst dirigierende Archetyp Antlitz.

In Maskenbau + Maskenspiel, eine Variante von Schauspiel als Weg, erhalten wir die große Chance mit dem, uns dirigierenden Archetyp in einen Dialog zukommen. Dadurch erweitert sich die persönliche Biografie zum individuellen Mythos hin. Das bedeutet, dass wir mit den transpersonalen Kräften und Mächten in unserer Tiefe in schöpferischer Weise eine persönliche Beziehung aufbauen. Unfassliche Begebenheiten, Befindlichkeiten, Konflikte und notwendige Entscheidungen können, mit Hilfe des Mediums Maske, gleichsam von einer höheren Warte aus, mit Abstand vom rationalen Ich, sinngebend und wegweisend erfahren und verwandelt werden.

 

Die Maskenspiele hatten wieder kultischen, initiatischen und psychodramatischen Charakter. Vor allem der intensive Umgang mit der Basisatmung und obertongesättigter Stimme, mit den ritualisierten Hand- und Leibgebärden führten zu Wahrnehmungen nicht alltäglicher Art und Weise. Die wunderbare Mischung von künstlicher Gestaltung und Selbsterfahrung gab auch diesmal wieder eine uns alle tragende und führende Basis. Und die tiefauslotenden Assoziationen und Gespräche waren von jener Qualität die das Bewusstsein erweitert.

Also, alles in allem Grund genug die Weiterbildung in Maskenspiel + Maskenbau fortzusetzen. Diesen Wunsch hatten alle an diesem Projekt Beteiligten.

  

Blogbeiträge zu den Maskenworkshops

Termine

Wer jetzt Lust bekommen hat, selbst eine Maske zu gestalten, ist herzlich eingeladen an einem Maskenworkshop teilzunehmen. Alles Informative und viele Maskenfotos sind auf unserer Website.

Bis bald.

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Handgebärden 2

Das Wort Gebärde ist reich an Bedeutungen und fast alles menschliche Handeln verwirklicht sich durch die Hand. Sogar das geistige Handeln!

Jaspers nannte die Hand, das Gehirn außerhalb des Körpers. Wir haben es vergessen: in der Frühzeit unseres Lebens begreifen und erfassen wir mit den Händen, später mit dem Kopf. Erst die Fähigkeiten der Hände aktivierten menschheits-geschichtlich die Entwicklung hoher Intelligenz. In Handgebärden drückt sich das schöpferische Denken aus. Ihre komplexe Bedeutung, in der Wechselwirkung mit Körper und Mimik, Seele und Geist, hat sich bis heute erhalten. Durch die Hand wird Handlung manifest, handgreiflich, begreifbar, offenbar… Im Hinweisen des Lehrenden, beim Spielen eines Musikinstrumentes, in der Gebärde des Schauspielers, in der Behandlung des Heilenden, bei der Berührung im zwischenmenschlichen Kontakt; beim Schreiben, Zeichnen, Segnen; bei der Arbeit in den unterschiedlichsten Bereichen; beim Kochen, Essen und Trinken… Auch Geistseelisches manifestiert sich als innere Handlung und Gestaltung, z. B. in der Meditation, beim aktiven Imaginieren, bei der Ruminatio, beim Üben von Affirmationen…

Bei jedem guten Handwerker und Schauspieler ist der Unterschied deutlich erkennbar zwischen privatem Hantieren und professioneller Handarbeit. Die Klugheit und Sicherheit einer geübten, beseelten Hand ist wahrnehmbar und unübersehbar. Der Unterschied in der Prägnanz der Handgebärden zwischen einem Laiendarsteller und einem professionellen Schauspieler ist sicher oft schon aufgefallen.
Gebärden, wenn sie archetypisch und prägnant sind, haben starke kommunikative Kraft und magische Mimikry.

„… und es sind ja gerade deshalb menschliche Wesen auf dem Theater, um die der gemachten Gebärde innewohnende Kraft zum Vorschein zu bringen“ sagt Artaud¹.

Für unsere Ausdrucksarbeit im Schauspielunterricht und Coaching ist die archetypische Gebärdensprache vorbildlich. Sie ersetzt die flatterigen, stillosen und nichtssagenden Alltagszappeleien und löst  körperliche Fehlhaltungen. Sie sind ausdrucksstark, eindeutig und stilvoll und verfügen über ein hohes Potential an Ausdrucks-Rückwirkung. Wer die Kraft dieser alten, ausgereiften Gebärden nie erlebt hat, sollte sie unbedingt erfahren. Denn sie weiten unsere Seele, loten sie aus bis in unbekannte Tiefen hinein und aktivieren in ihren unentwickelten Bereichen gestaltende Schöpferkraft. Weil die archetypischen Gebärden aus dem Ursprung der Menschwerdung kommen, transzendieren sie das Privatpersönliche und das alltägliche Kleinklein. Tairow² beobachtete,  das der westliche Schauspieler nur noch zu Stottergesten fähig ist. Und Brecht³ kritisierte die zu kleinlichen, nervösen, psychologisierenden Gebärden der Schauspieler.
Der Umgang und die Erfahrung mit archetypischen Gebärden öffnen den Zugang zum künstlerisch-kultischen Spiel und Leben. Das ist ein großer Gewinn im Hinblick auf die Persönlichkeitsentfaltung. Denn armselig und stillos dagegen sind die üblichen privat-persönlichen Hand- und Körpergebärden. Wir üben mit Gebärden auf eine Weise, die sich in langer Erprobung und Erfahrung bewährt hat. Voraussetzung für ihre Wirksamkeit ist die intensive, achtsame Übungsweise. Unbewusstes chaotisches Toben und Ausagieren, Herumfuchteln und das drauflos Gestikulieren, Schlagen und Schreien, kann immer wieder mal eine befreiende Wirkung haben, doch bringt es im Hinblick auf Entwicklung und Gestaltung nicht weiter. Kostbare Substanz wird so verschleudert statt gestaltet.
 
In Gebärden stecken überraschend viele Eigenschaften oder Inhalte. Viele werden zigfach wiederholt damit ihre Qualität in Fleisch und Blut übergeht und ins Leben integriert werden kann. Für sich allein sind sie nicht immer eindeutig. Darum schöpfen wir aus ihnen eigene Assoziationen und individuelle Figuren, Situationen und eigene Sätze. Eindeutigen Aufschluss geben erst die sie begleitende Art des Atems, der Stimme, der Wörter, der Handlungen und der mit ihnen im Ausdruck korrespondierende Körper und die Mimik. Das Erheben der Hände über den Kopf kann unterschiedliche Empfindungen auslösen:
  • Schreck
  • Sich ergeben
  • Demut
  • Einhalt gebieten wollen
  • Hände hoch
  • Bis hierhin und nicht weiter!
  • Gebet …
Gebärden vermögen durch ihre Gestaltungskraft dem inneren, seelischgeistigen Leben sehr beredt Ausdruck zu geben. Es ist deutlich zu erkennen ob eine Gebärde gefüllt, leer oder aufgesetzt ist.

Beispiel

Die Art und Weise ihrer Gebärden wie eine alte italienische Wirtin einen Topf dampfender Nudeln, unter das nüchterne Neonlicht auf den roh gezimmerten Brettertisch setzt, und wie sie uns müden und hungrigen Gästen die Teller füllt, ließ in karger Umgebung das einfache Essen zu einem leuchtenden Festmahl werden.
Stimmungen, Erinnerungen, Gefühle, innere Bilder werden einerseits durch Gebärden aktiviert und andererseits auch gleichzeitig gestaltet. Was sich in unserer Innenwelt abspielt, ist oft in Worten nicht wieder zu geben. Durch Gebärden sind wir sehr wohl in der Lage, Inhalte unserer Tiefe beredt und stilvoll erscheinen zu lassen. Viele Gebärden mit denen wir im Unterricht experimentieren wirken wie Köder in die Tiefe hinein, wo sie Befindlichkeiten hervorlocken und nach außen bringen. Es kann nicht oft genug erwähnt werden: Gebärden evozieren und geben gleichzeitig Gestalt. Das sind kostbare Vorgänge von Integration. Ihre ewige Sprache verbindet sich manchmal mit der Sprache unseres eigenen, ewigen Wesens.
Und nicht selten wird darum der Umgang mit Gebärden und was durch sie an Ausdruck möglich ist, als mystisches Geschehen erlebt. Dann erleben wir uns in Überein-stimmung mit uns Selbst für Momente als Spieler und erleben uns als Schöpfer und Geschöpf unseres individuellen Lebens: homo ludens.

Beispiel

Vor einigen Jahren stellte sich Christoph im Schauspielunterricht vor mit den Worten:
„Mich überfällt manchmal ein Dämon. Der zwingt mich zum traurig- und melancholisch sein. Ich möchte ihn durch Schauspielen loswerden.“
Christoph ist dreiundzwanzig, von Beruf Krankenpfleger. Er hat von Anfang an Freude am Umgang mit Gebärden. Nach einigen Wochen stellt er sich in einem psychodramatischen Gebärdentanz im Umgang mit seinem melancholischen Dämon vor. Mit starker wütender Kraft zeigt er wie dieser ihn einfängt und beherrscht. Die Rückmeldungen aus der Gruppe zielen darauf, dass die Gebärden der Befreiung zu schwach, zu wenig ausgeprägt sind. Darum sollen sie außerhalb des Unterrichts, als Hausaufgabe, geübt werden. Christoph übt sie täglich.
  
Im nächsten Unterricht erzählt er:
„Manchmal habe ich erlebt, dass die Gebärden für mich gedacht haben und dass sie sich für mich weiterentwickelten. Mein Kopf hat die Führung dabei immer wieder restlos aufgeben können. Ein tolles Gefühl war das. Immer führten mich die Gebärden in das Erleben stark und groß zu sein. Ich erlebte mich während der ganzen Woche für mein Weiterkommen wie ein Krieger und dabei so leicht, heiter und so frei. Die Traurigkeit ist weggegangen. Das war das Tollste. Weil ich mich hier so oft als melancholischer Trauerkloß gezeigt habe, traue ich mich kaum es auszusprechen. Die Befreiungsgebärden haben mir in der letzten Woche ein Lustkampfspiel gebracht. Und dann, ganz bald schon, am Anfang dieser Übungen, bei der Gebärde mit den Handkanten, war der Einfall da: ich will eine Clowns-Ausbildung machen.“
Durch die Art und Weise wie Christoph seine Erfahrungen vorträgt, witzig und komisch, keiner hatte ihn bisher so erlebt, wurde er von den Mitspielern darin unterstützt seinen Einfall zu verwirklichen: Inzwischen ist er als Clown in dem Krankenhaus in dem er als Pfleger tätig ist, auch als Clown aktiv.
Ja! So ist es: was wir erlösen, erlöst auch uns.
Soviel für heute. Es gibt noch viel zu erzählen über Gebärden. Ich freue mich darauf, das auch noch eine Weile zu tun, freue mich auch über Rückmeldungen.
Also: Fortsetzung folgt!
Wolfgang Keuter. Düsseldorf im Mai 2016

¹ Antonin Artaud. * 1896 + 1948. Französischer Schauspieler. Dramatiker. Regisseur. Dichter. Zeichner. Theater-Theoretiker und –Visionär. Das Artaudsche Konzept des Theater der Grausamkeit wurde 1938 im Band: Das Theater und sein Double veröffentlicht, wohl sein wichtigstes Standartwerk.
² Alexander Jakowlewitsch Tairow. *1885 – +1950. Bedeutender russisch-sowjetischer Regisseur und Theatertheoretiker, begründete das Moskauer Kammertheater
³ Bert Brecht. *1898 – +1956. Einflussreicher deutscher Dramatiker und Lyriker des 20. Jahrhunderts. Seine Werke wurden weltweit aufgeführt. Er hat das epische bzw. dialektische Theater begründet und umgesetzt.